MASSNAHMENKATALOG


Maßnahmenkatalog

zur Optimierung des Stadionbesuches
hörgeschädigter bzw. gehörloser Fans      


Vorbemerkungen: Hörbehinderte Menschen stellen die mit Abstand größte Gruppe unter den Menschen mit Behinderungen.Grund dafür ist, gerade bei älteren Stadionbesuchern, die Hörminderung mit fortschreitendem Alter. Für Menschen die von einer Schwerhörigkeit betroffen sind und entsprechende technische Hilfsmittel zur Verstärkung des Höreindruckes haben, sollten Stadien mit Induktionsschleifen und auch sonstigen technischen Hilfsmitteln ausgestattet sein, welche den Schwerhörigen zur Verfügung gestellt werden.Menschen die von kompletter Taubheit betroffen sind, brauchen andere Hilfen. Gehörlose Menschen sind„Augenmenschen“, welche ihre Umwelt komplett visuell wahrnehmen.Demzufolge sind die Bedürfnisse tauber Menschen anders als von Schwerhörigen. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung des Stadionbesuches, mit dem Ziel der optimalen und barrierefreien Teilhabe, sondern auch um Sicherheitsfragen.Eine weitere Besonderheit hörbehinderter Menschen ist die nicht sichtbare Behinderung; daraus folgt eine unabdingbare Sensibilisierung aller am Stadionbesuch beteiligten Personen. Wir sehen uns als Experten in eigener Sache. Wir unterstützen gern alle Verbände und Vereine, sei es mit Rat und Tat, oder dem Vermitteln von Kontakten von Experten vor Ort.Der Dachverband hat momentan Mitglieder von 20 Fanklubs, welche Vereine aus der Bundesliga bis zur Regionalliga unterstützen. Wir arbeiten kontinuierlich an diesem Maßnahmenkatalog, Ziel ist es,hörbehinderten und, im Besonderen für uns, gehörlosen Menschen einen barrierefreien Zugang und eine optimale Teilhabe am Stadionbesuch zu ermöglichen.


Vorkehrungen für hörbehinderte und gehörlose Zuschauer

Eine barrierefreie Teilhabe beginnt nicht erst beim Betreten des Stadions, sondern schon beim Ticketing. Demzufolge sollten schon die Mitarbeiter des Ticketings und auch Mitarbeiter der telefonischen Hotline auf Besonderheiten Gehörloser Menschen sensibilisiert werden. Dies bedeutet, dass die Mitarbeiter auf die Relay-Services hingewiesen werden müssen, mit denen gehörlose Menschen telefonieren. Auch die Mitarbeiter der Ticketschalter am Stadion sollten ausreichend Wissen über Menschen mit Hörbehinderung haben, und auch die örtlichen Gegebenheiten sollten angepasst sein: In den Bereichen, wo Mitarbeiter von den Fans durch eine Glasscheibe getrennt sind, sollten für ein mögliches Absehen von den Lippen die Scheiben nicht reflektieren und gute Lichtverhältnisse herrschen. Wünschenswert und gerade für Notfälle wichtig: es sollte in jedem Stadion Mitarbeiter, Ordner oder Volunteers geben, welche deutsche Gebärdensprache beherrschen und an den Spieltagen auch vor Ort sind. Wichtig ist dabei zu bedenken, dass Gebärdensprachen, genauso wie Lautsprachen keine Internationale Sprachen sind, sondern nationale Sprachen, welche auch Dialekte umfassen. Die Mitarbeiter vor Ort sollten auch mit einfachen Dingen wie Kugelschreiber und Notizblock ausgerüstet sein, um damit im Falle eines Falles mit dem gehörlosen Menschen kommunizieren zu können. Neben der Ausstattung mit diesen Utensilien gehört auch die Bereitschaft der Benutzung dazu. In manchen Situationen ist dies der einzige, aber wichtige Weg der Kommunikation. Die Bedürfnisse hörbehinderter und gehörloser Personen, die mit Begleithunden unterwegs sind, sollten ebenfalls berücksichtigt werden (vgl. Abschnitt G:8 über Begleithunde).


Die 5 wichtige Punkte:

1. Ticketing und Platzierung im Stadion:

  • Mitarbeitersensibilisierung in Bezug auf hörgeschädigte und gehörlose Besucher vor und im Stadion
  • „Gehörlosenplätze“, welche keine Sichtbehinderung durch Säulen oder umherlaufende Zuschauer haben, um ein optimales, visuelles Erlebnis zu ermöglichen. Diese Plätze und Tickets sollten analog den Plätzen für Blinde und Rollstuhlfahrer hörgeschädigten Besuchern vorbehalten sein, und das sowohl für Heim- und auch Auswärtsfans. Gehörlose Menschen sehen sich selbst als sprachliche Minderheit und sitzen auch gern mit den Fans der anderen Mannschaft zusammen.
  • Analog zu anderen Behindertengruppen müssen auch die Tickets der gehörlosen Fans ermäßigt sein. Um einem Missbrauch vorzubeugen, empfehlen wir den Nachweis über die  Schwerbehindertenausweise mit dem Merkzeichen „GL“.
  • Auch hier sollte es analog zu blinden Fans und Rollstuhlfahrern möglich sein, Tickets über die örtlichen Behindertenbeauftragten zu bestellen.

2. Informationen im Stadion:

  • Jedes gesprochene (oder auch gesungene Wort), welches über die Stadionlautsprecher zu hören ist, muss im Stadion für die gehörlosen Fans sichtbar sein. Dazu zählen die Show vor dem Spiel, Interviews in der Halbzeitpause und Interviews nach dem Spiel. Selbstverständlich auch die Verkehrsmeldungen, oder die Ansagen im Bezug auf Freibier oder halbe Preise.
  • Sicherheitshinweise oder Evakuierungsfälle müssen auch visuell erfassbar sein
  • Dies könnte durch Untertitel auf den Anzeigentafeln oder auch durch spezielle LED Laufschrift- Anzeigen im „Gehörlosenblock“ ermöglicht werden. Sicherheitshinweise und Evakuierungsansagen müssen auf allen Anzeigetafeln und Bildschirmen zu sehen sein.

Zusammengefasst: alle Informationen sollten alle im Sinne einer

gleichberechtigten Teilhabe zugänglich gemacht werden


3. Sicherheitsmaßnahmen für gehörlose Fans

  • Um die großen Barrieren gehörloser Fans abzubauen, müssen alle Informationen auf allen Monitoren sichtbar sein, besonders im Gefahrenfall.
  • Um die Gehörlosen auf den Gefahrenfall aufmerksam zu machen, sollten farbige Rundumleuchten im Stadion installiert sein.
  • Ein Ordner, welcher gebärdensprachkompetent ist, könnte im Notfall nicht nur mit den Gehörlosen kommunizieren, sondern auch die Kommunikation mit einem Arzt sicherstellen.

4. Allgemeine Maßnahmen für eine barrierefreie Teilhabe

  • Alle öffentlichen Veranstaltungen der Vereine sollten bei Bedarf mit Gebärdensprachdolmetschern durchgeführt werden. Dazu zählen Mitgliederversammlungen, aber auch Fantalks oder Treffen mit anderen Fanclubs, sowie den Behindertenbeauftragten.
  • Die Kosten hierfür sollte der Verein tragen, da es keine Kostenträger gibt und weder die Gehörlosen als Einzelne noch die Fanclubs die finanziellen Ressourcen dafür haben.

5. Barrierefreiheit im Internet und TV

  • Fernsehsender sollten dem guten Beispiel von ARD, ZDF und RTL folgen und alle Fußballübertragungen mit Untertiteln ausstrahlen. Sky strahlt nur die Konferenz mit Untertiteln aus, Sat1 und Sport1 bieten keine Untertitel an
  • Jeder Bundesligaverein hat heutzutage einen TV-Channel über ihre Homepage oder auf Youtube. Diese Beiträge sollten auch selbstverständlich untertitelt werden

Glossar:

Warnsysteme:

Das Warnsystem eines Stadions besteht in der Regel aus Evakuierungssignalen, Lautsprecherdurchsagen und visuellen Mitteilungen über elektronische Anzeigetafeln. In den meisten Fällen kann davon ausgegangen werden, dass sich hörbehinderte und gehörlose Personen bei Notfallwarnungen auf die Unterstützung anderer Zuschauer und der Stadionmitarbeiter verlassen können. Es kann allerdings Situationen geben, in denen sie auf sich alleine gestellt sind, zum Beispiel beim Benutzen der Toilette. In diesen Bereichen sollten die Stadionverantwortlichen die Installation von Blinkwarnlichtern ins Auge fassen.

Echtzeit-Untertitel:

Von allen Lautsprecher-Durchsagen sollten Textversionen auf den Grossbildschirmen, Anzeigetafeln oder anderen dafür vorgesehenen Bildschirmen im Stadion angezeigt werden. Es gibt zwei Formen von Untertiteln: geschlossene Untertitel („closed captioning“), die für bestimmte Benutzer optional zuschaltbar sind, sowie offene Untertitel („open subtitles“), die für alle Personen im Stadion auf Grossbildschirmen oder Anzeigetafeln sichtbar sind (übliche Variante für Stadien). Untertitel können auf allen Anzeigetafeln oder Bildschirmen übermittelt werden, die für öffentliche Mitteilungen und Notfallanweisungen geeignet sind, und dienen hörbehinderten Personen als Ersatz für die Lautsprecheranlage.

Spracherkennungssoftware:

Technologisches System, das gesprochene Sprache textlich erfasst und es so ermöglicht, ohne den Einsatz der Hände zu schreiben.

Telefon-Relay-Service:

Vermittlungsdienst, der von Kommunikationsassistenten oder Übersetzern bereitgestellt wird, die telefonisch die Kommunikation zwischen Personen ohne Hörbehinderung und gehörlosen, hörbehinderten taubblinden und/oder sprachbehinderten Personen ermöglichen.